Prof. Dr. Georg Fertig
Institut für Geschichte der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Erster Vorsitzender CompGen e.V.
Vortrag
Gatterer, Lorenz, Junkers – drei Wendepunkte der Genealogie. Warum Computergenealogie mehr ist als Ahnenforschung
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Abstract
Der älteren Genealogie ging es um das Dazugehören. Genealogen produzierten Reputation, nicht Fakten. Gatterer (1788) blieb in dieser Perspektive, technisch: beim Dokumentieren von Nachfahren in „Stammtafeln“, kaum „Ahnentafeln“, stellte aber das Beweisen ins Zentrum. Lorenz drehte 1898 alles um: von der Stammtafel zur Ahnentafel, von der Frage nach einem „Haus“ und seinem Begründer zur Frage nach dem „Ego“, zur Erforschung der eigenen Vorfahren über viele Generationen, verbunden mit der phantastischen Vorstellung, der jeweilige, statistisch unvermeidliche aber je spezifisch ausgeprägte „Ahnenschwund“ oder „Implex“ präge den „Familiencharakter“.
Hilfswissenschaftliche Standardwerke zur Genealogie standen lange in der Lorenz-Tradition. Erst um 2000 finden sich merkwürdige distanzierende Bemerkungen in dieser Literatur, die sich von einem „Tummelfeld der Laien“ und der „sogenannten Computergenealogie“ abgrenzen. Geprägt wurde letzterer Begriff 1985 von den Gründern der COMPUTERGENEALOGIE. Elisabeth Timm hat diesen Bruch als Umschwung „von Reverenz zur Referenz“ bezeichnet. Reverenz ist Suche nach aufwertenden Beziehungen, zum Stammvater oder zu Erbgutträgern. Referenz ist Suche nach allen nur denkbaren Beziehungen, vermittelt über Datenbanken und Online-Kommunikation. Die Phantasie richtet sich nicht mehr auf den Stammvater als Quelle von materiellem und sozialem Kapital, auch nicht mehr auf die familienbedingte Großartigkeit oder auch erbliche Belastung des „Egos“, sondern auf die Vorstellung, die ganze Welt sei eine Familie.
Kurzvorstellung
Georg Fertig ist Wirtschafts- und Sozialhistoriker mit Schwerpunkten in der historischen Demographie, der ländlichen Geschichte und der Geschichte der Verwandtschaft.